
Ich teile die Menschen, die Haustauben schlecht behandeln, grob in zwei Gruppen ein.
Da gibt es diejenigen, die nicht verstehen – oder nicht verstehen wollen –, dass Stadttauben keine Wildtiere sind, die irgendwann beschlossen haben, unsere Innenstädte zu belagern. Sie sind verwilderte Haustauben und deren Nachkommen.
Und dann gibt es diejenigen, die ganz genau wissen, dass Tauben Haustiere sind. Schließlich halten und züchten sie selbst welche. Trotzdem werden die Tiere teilweise behandelt wie Gegenstände, die einen bestimmten Zweck erfüllen sollen.
Beide Gruppen haben für mich etwas gemeinsam: Am Ende trägt die Taube die Konsequenzen menschlichen Handelns.
Aber fangen wir viel weiter vorne an.
Wir Menschen haben die Stadttaube erschaffen
Tauben leben nicht zufällig so eng mit uns zusammen. Bereits vor Jahrtausenden begann der Mensch, Felsentauben zu domestizieren. Tauben wurden gezüchtet, gehalten und für unterschiedliche Zwecke genutzt: unter anderem als Fleischlieferanten und zur Übermittlung von Nachrichten.
Über sehr viele Generationen haben Menschen dabei genau die Eigenschaften gefördert, die sie bei ihren Tieren haben wollten.
Auch ihr Fortpflanzungsverhalten wurde durch die Domestikation und Zucht beeinflusst. Haustauben können unter geeigneten Bedingungen sehr häufig brüten – und dieser ausgeprägte Brutzwang verschwindet nicht einfach, nur weil die Tiere auf der Straße leben.

Das ist nicht nur der Grund dafür, dass sich Stadttauben trotz ihrer schwierigen Lebensbedingungen weiter vermehren. Es ist auch für die Tiere selbst ein Problem. Besonders für die Weibchen bedeutet die wiederholte Produktion von Eiern eine enorme körperliche Belastung. Selbst Hunger und schlechte Lebensbedingungen halten die Tiere nicht zuverlässig davon ab, immer wieder neue Brutversuche zu starten.
Was der Mensch durch jahrhundertelange Zucht gefördert hat, wird den Tieren heute zum Verhängnis.
Erst gebraucht, dann überflüssig
Irgendwann änderte sich unser Leben.
Andere Nutztiere spielten für die Versorgung mit Fleisch und Eiern eine wesentlich größere Rolle. Für die Übermittlung von Nachrichten brauchten wir ebenfalls keine Tauben mehr.
Viele Tauben wurden schlicht nicht mehr gebraucht.
Doch ein domestiziertes Tier verwandelt sich nicht plötzlich wieder in ein Wildtier, nur weil der Mensch keinen Nutzen mehr darin sieht.
Aus ausgesetzten, entflogenen und zurückgelassenen Haustauben entstanden über Generationen die Populationen, die heute in unseren Städten leben. Bis heute kommen entflogene Zuchttauben und verlorene Sportbrieftauben hinzu.
Wenn du also das nächste Mal eine Stadttaube am Bahnhof siehst, schaust du nicht auf einen exotischen Wildvogel, der sich dreisterweise in unseren Lebensraum verirrt hat.
Du schaust auf das Ergebnis jahrtausendelanger menschlicher Tierhaltung.
Und plötzlich stören sie
Heute wollen viele Menschen von dieser Geschichte nichts mehr wissen.
Tauben kacken auf Gebäude.
Tauben gurren.
Tauben sitzen auf Fensterbänken.
Tauben laufen durch Fußgängerzonen und suchen nach Futter.
Kurz gesagt: Sie existieren sichtbar in unserem Lebensraum.
Und dafür werden sie gehasst.
Sie werden als „Ratten der Lüfte“ bezeichnet, getreten, gejagt und verscheucht. Es werden Spikes, Netze und andere Vergrämungsmaßnahmen angebracht, damit sie bloß nicht dort sitzen, wo wir sie sehen können.
Dabei hängt vieles, was Menschen an Stadttauben stört, unmittelbar mit ihrer Geschichte als Haustiere zusammen.
Sie suchen unsere Nähe, leben an und auf unseren Gebäuden und sind bei ihrer Nahrungssuche stark auf das angewiesen, was sie in unserer Umgebung finden.
Und trotzdem behandeln wir sie häufig so, als hätten sie sich diesen Lebensraum vollkommen unabhängig von uns ausgesucht.
Dabei ist ihre enge Verbindung zum Menschen kein Zufall. Wir haben sie über Generationen geschaffen.
Warum Stadttauben ständig nach Futter suchen
Stadttauben sind Körnerfresser. In unseren Innenstädten gibt es allerdings keine Felder voller geeigneter Körner, an denen sich ein Schwarm mal eben bedienen könnte.
Was es dafür reichlich gibt?
Unsere Abfälle.
Brot. Pommes. Dönerreste. Kekse. Alles, was Menschen fallen lassen oder wegwerfen.
Dass Tauben solche Dinge fressen, bedeutet nicht, dass diese Nahrung gut für sie ist. Ein hungriges Tier frisst das, was verfügbar ist.
Gleichzeitig werden Menschen, die Tauben artgerecht mit Körnern füttern möchten, vielerorts daran gehindert oder dafür kritisiert.
Wir wollen keine hungrigen Tauben in unseren Innenstädten sehen, möchten aber gleichzeitig nicht, dass sie dort artgerecht versorgt werden.
Und anschließend wundern wir uns darüber, dass sie unsere Essensreste fressen.
Sind Stadttauben voller Krankheiten?
Kaum ein Vorurteil hält sich so hartnäckig wie die Vorstellung von der krankheitsverseuchten Stadttaube.
Natürlich können Tauben krank sein. Sie können Parasiten, Bakterien, Viren und Pilze tragen – wie andere Tiere ebenfalls.
Für einen durchschnittlichen gesunden Menschen stellt die bloße Anwesenheit einer Stadttaube jedoch nicht automatisch eine besondere Gesundheitsgefahr dar.
Das eigentlich große gesundheitliche Problem haben nicht wir.
Die Tauben haben es.
Wer sich einmal einen Stadttaubenschwarm genauer ansieht, entdeckt häufig Tiere mit verschnürten oder verstümmelten Füßen, Verletzungen, schlechtem Gefieder oder deutlichen Zeichen von Krankheit und Mangelversorgung.
Und spätestens an diesem Punkt finde ich die Frage interessanter, warum es dem Tier so schlecht geht, als die Frage, ob es mir möglicherweise gefährlich werden könnte.
Das Märchen von der glücklichen Brieftaube
Und damit komme ich zur zweiten Gruppe.
Denn während Stadttauben gerne als wilde Plage dargestellt werden, behandeln wir andere Haustauben plötzlich vollkommen anders.

Rassetauben werden gezüchtet. Brieftauben werden für Wettflüge gehalten.
Und immer wieder gehen Tiere dabei verloren.
Eine Brieftaube, die nicht nach Hause zurückkehrt, löst sich schließlich nicht in Luft auf. Manche sterben unterwegs. Andere landen erschöpft irgendwo und schließen sich schließlich Stadttaubenschwärmen an.
Damit schließt sich der Kreis.
Ein Tier wird vom Menschen gezüchtet und gehalten. Es erfüllt einen Zweck. Funktioniert das System nicht mehr, trägt das Tier die Konsequenzen.
Und irgendwann sitzt vielleicht genau diese Taube zwischen den angeblichen „Ratten der Lüfte“ am Bahnhof.
Nein, wir müssen nicht jede Taube mit nach Hause nehmen
Verantwortung für Stadttauben zu übernehmen bedeutet nicht, dass jeder Mensch Tauben lieben muss.
Du musst ihr Gurren nicht schön finden. Du darfst dich darüber ärgern, wenn dein Balkon voller Kot ist. Und niemand verlangt, dass du deinen Sonntag damit verbringst, Taubenfüße von Schnüren zu befreien.
Aber wir können Probleme lösen, ohne Tiere dafür leiden zu lassen.
Betreute Taubenschläge sind dafür ein gutes Beispiel. Die Tiere bekommen dort einen festen Ort, artgerechtes Futter und Betreuung. Gleichzeitig können gelegte Eier gegen Attrappen ausgetauscht und Populationen dadurch tierschutzgerecht reguliert werden.
Das ist vielleicht weniger befriedigend, als über „Taubenplagen“ zu schimpfen.
Dafür löst es tatsächlich einen Teil des Problems.
Wir sind verantwortlich
Für mich ist das der wichtigste Punkt bei der ganzen Diskussion:
Die Stadttaube ist kein Problem, das die Natur uns eingebrockt hat.
Wir haben ihre Vorfahren domestiziert.
Wir haben sie vermehrt.
Wir haben ihre Eigenschaften durch Zucht verändert.
Wir haben sie für unsere Zwecke benutzt.
Und als wir viele von ihnen nicht mehr brauchten, haben wir ihre Nachkommen sich selbst überlassen.
Heute leben sie mitten unter uns und tun genau das, was Tiere tun: Sie versuchen zu überleben.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören zu fragen, warum diese Tiere nicht einfach verschwinden.
Die bessere Frage wäre:
Wie gehen wir vernünftig mit den Tieren um, für deren Situation wir Menschen selbst verantwortlich sind?
